Ein Tigerkopf, aufgebaut aus tausenden leuchtenden Würfeln, die im selben Moment auseinanderbrechen und sich wieder zusammenfügen. Entstanden als CGI-Projekt im Studium, erzählt diese Arbeit eine kleine Geschichte über Kraft und Vergänglichkeit — und führt sie durch drei Programme und drei völlig verschiedene Welten.
2022 ist im asiatischen Mondkalender das Jahr des Tigers — Symbol für Macht und Dominanz. Doch jeder spürt den Tiger anders: stark, überrascht, verängstigt. Die Idee war, diese Gefühle durch molekulare Spaltung und Rekonstruktion zu erzählen — zerfallende Partikel, die den Kopf neu aufbauen. Beschleunigung und Masse erzeugen die Kraft, die die Struktur wieder entstehen lässt. Die Farbwelt: tiefes Lila als Grundton, dazu elektrisches Cyan, Magenta und ein scharfes Grün als Lichtquellen.
Alles beginnt in Blender im Sculpting-Mode. Aus einer einfachen Grundform wächst Zug um Zug der Kopf: Schnauze, Stirn, Ohren, der aufgerissene Fang. Eine ruhige, fast handwerkliche Phase — das Fundament, auf dem später alles zerfallen darf.
Der Kopf wandert nach Houdini. Jeder Punkt der Oberfläche wird zu einem Würfel-Partikel. Ein kugelförmiger Falloff und ein Effektor steuern, wo das Objekt zerbricht; über ein POP-Netzwerk schleudert eine gezielte Velocity die Partikel aus der Grundform heraus. Hier entsteht der eigentliche Effekt: die molekulare Spaltung, eingefroren in genau dem Moment, in dem aus Ordnung Energie wird.
Zurück in Blender wird die Farbe aus Houdini über Attribute und den Geometry-Node-Editor wieder auf die Punkte übertragen. Mit Separate RGB, Color Ramp und Mix Shader entsteht das Emission-Material: Die helleren Partikel leuchten von innen, während das tiefe Lila den Körper hält. So bekommt der zerfallende Tiger sein charakteristisches Glühen.
Die erste Welt ist reine Energie: ein neonfarbener Tiger über spiegelnder Fläche, Cyan und Magenta sprühen in die Dunkelheit. Hier ist die Kraft am rohesten — Staunen und Angst vor einer Energie ohne Grenzen.
Die zweite Welt holt den Tiger in seinen kulturellen Ursprung zurück: ein roter Torii-Schrein, Kirschblüten, Laternen, das Zeichen 虎 für Tiger. Aus Energie wird Feier — der Tiger als Glücksbringer zum Mondneujahr, sein Zerfall in Blütenblättern statt Funken.
Die dritte Welt ist still und edel: ein weißer Tiger mit goldenen Streifen in einer Architektur aus Bögen und Säulen, umgeben von schwebenden Händen. Dieselbe Auflösung, ganz anders erzählt — Kraft nicht als Explosion, sondern als kostbarer, fast skulpturaler Moment.
Aus einer einzigen technischen Idee — ein Kopf, der in Würfel zerfällt — entstehen drei eigenständige Bilder, die dieselbe Geschichte in unterschiedlichen Tonarten erzählen. Das Projekt verbindet Sculpting, prozedurale Simulation und Shading zu einem durchgängigen Workflow und zeigt, wie ein technischer Effekt zum emotionalen Erzählmittel wird.